Foto Archiv Innere Mission Bremen
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„Denn bin ich unter das Jugenamt gekommen“. Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung 1933-1945

21. Oktober 2018 bis 24. Februar 2019 im Galerie im Park am Klinikum Bremen- Ost

Noch Brauchbar? Lebenswert?

Ausstellung in der Galerie im Park zeigt erstmals den Alltag Bremer Jugendlicher in den Heimen der Jugendfürsorge zwischen 1933 und 1945

„Denn bin ich unter das Jugenamt gekommen“ schreibt Helmut Bödeker 1934 in seinem handgeschriebenen Lebenslauf. Den Rechtschreibfehler haben die Ausstellungsmacher für den Titel ihrer neuen Ausstellung über die Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung zwischen 1933 und 1945 so übernommen. Das Zitat ist ein persönliches Zeugnis des „Zöglings“ aus dem Ellener Hof, der später eines gewaltsamen Todes sterben wird. Viele dieser persönlichen Zeugnisse und Briefe, die die Adressaten nie erreichten, gibt es in der Ausstellung „ ‚Denn bin ich unter das Jugenamt gekommen‘. Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung 1933-1945“, die am 21. Oktober um 15 Uhr im eröffnet und bis zum 24. Februar 2019 in der Galerie im Park am Klinikum Bremen-Ost zu sehen ist.

Mit dieser Ausstellung wird erstmals überhaupt der Alltag von Bremer Jugendlichen in den Heimen der Jugendfürsorge in der Zeit des Nationalsozialismus dokumentiert. Die Bremer Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht hat die Hintergründe im Auftrag des Diakonischen Werkes Bremen e. V. über Jahre wissenschaftlich recherchiert. Entstanden sind daraus die Wanderausstellung, die nun in der Galerie im Park startet, und ein Begleitbuch, das im Verlag Edition Falkenberg erschienen ist.

„Dem Diakonischen Werk ist es ein Anliegen, Lebensgeschichten im Rahmen dieser Ausstellung beispielhaft in Erinnerung zu rufen, denn sie machen deutlich, dass Ausübung von Macht, Ausgrenzung und Normierung von Verhaltungsweisen systemisch angelegt waren. Wir möchten mit der Ausstellung und dem Buch ein hohes Maß an Transparenz schaffen und die Möglichkeit bieten, die Entwicklungen der Jugendfürsorge in der damaligen Zeit kritisch zu bewerten“, sagt Landesdiakoniepastor und Vorstand des Diakonisches Werks Bremen e.V. Manfred Meyer.

 

Die Ausstellung rekonstruiert das Erleben der jungen Frauen und Männer unter anderem im Isenbergheim, Marthasheim, im Ellener Hof und im St. Petri Waisenhaus, aber auch in außerbremischen Einrichtungen der evangelischen Jugendfürsorge, wie der Betheler Zweiganstalt Freistatt oder der Diakonissenanstalt Kaiserswerth. Sie zeigt, dass im Nationalsozialismus in der gesamten Wohlfahrtspflege ein neuer rassistisch geprägter Geist einzog. Wer war brauchbar? Wer lebenswert? Das waren die zentralen Fragen eines sich radikalisierenden Fürsorgenetzwerkes zwischen Heim, Jugendamt, Ärzten und Polizei. Im Mittelpunkt der Schau stehen Biographien der Betroffenen. Sie zeigen die dramatischen, zum Teil tödlichen Folgen der Aussonderung aus der „Volksgemeinschaft“, erzählen von Zwangssterilisationen und Deportationen in Jugendkonzentrationslager oder Einrichtungen der „Euthanasie“-Aktion. Damit wird zum ersten Mal für Bremen nachgewiesen, dass Kinder und Jugendliche aus den Heimen vorsätzlich Opfer der sogenannten nationalsozialistischen Gesundheitspolitik wurden. Dokumente, Bilder, Filmausschnitte und Hörstationen machen die Schicksale der jungen Menschen direkt greifbar.

Jungen arbeiten auf dem Feld (Foto: khm archiv)
Jungen arbeiten auf dem Feld (Foto: khm archiv)
Jungen arbeiten auf dem Feld (Foto: khm archiv)
„Für die Ausstellung war mir besonders wichtig, einen groben thematischen Überblick zu den Eckdaten der Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung zu geben und über einzelne Biografien das System der Ausgrenzung bzw. Aussonderung in den Tod nachvollziehbar zu machen“, sagt Autorin und Kuratorin Gerda Engelbracht.

Ein weiteres Projekt unter Beteiligung von Jugendlichen ist in Kooperation mit Demokratisch Handeln und dem Landesinstitut für Schule entstanden. Acht Schülerinnen und Schüler der Osterholzer Albert-Einstein-Schule haben für die Hörstationen in der Ausstellung überlieferte Briefe von damaligen „Fürsorgezöglinge“ gelesen. Darüber hinaus haben sie sich im Rahmen ihrer Ausbildung zum Junior-Guide intensiv mit dem Thema „Jugendfürsorge im Nationalsozialismus“ auseinandergesetzt und selbständig ein Führungskonzept entwickelt. „Wir hoffen, dass möglichst viele Klassen von dem neuen Angebot der Junior Guides Gebrauch machen“, sagt Achim Tischer, Leiter der KulturAmbulanz und Mitkurator der Ausstellung.

Zu der Ausstellung bietet die KulturAmbulanz außerdem ein gemeinsam mit vielen beteiligten Bremer Institutionen entstandenes Begleitprogramm an, das einen Spannungsbogen schlagen will zwischen der Geschichte und aktuellen Fragen der Jugendfürsorge. Erster Höhepunkt ist der Vortrag von Prof. Dr. Carola Kuhlmann von der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe aus Bochum am 1. November um 19 Uhr im Haus im Park. Die Erziehungswissenschaftlerin stellt dar, wie sich die Wohlfahrtspflege im Nationalsozialismus zur „Volkspflege“ wandelte, die scharf zwischen „minderwertig“ und „brauchbar“ trennte, was das für die Kinder und Jugendlichen bedeutete und wie die Erziehung zu Gehorsam und Härte in den Mittelpunkt rückte. Der Vortrag ist eine Kooperation der KulturAmbulanz mit der Landeszentrale für politische Bildung und Erinnern für die Zukunft e.V..

Am 4. Dezember um 19:00 Uhr folgt der zweite Vortrag über Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in den stationären Hilfen der Gegenwart. Dabei macht Friederike Lorenz, Erziehungswissenschaftlerin von der FU Berlin, deutlich, dass Machtmissbrauch und Gewalt durch Mitarbeiter in der Heimerziehung keinesfalls nur ein historisches Phänomen sind. Diese Veranstaltung findet in Kooperation mit der Bremer Bundestags-Abgeordneten Dr. Kirsten Kappert-Gonther statt.

Flaggenparade Foto: khm archiv
Flaggenparade Foto: khm archiv
Flaggenparade Foto: khm archiv
Über die Geschichte der Bremer Jugendfürsorge im Nationalsozialismus spricht Gerda Engelbracht am 16. Januar 2019 um 19:00 Uhr nochmals ausführlich in Kooperation mit der Hochschule Bremen im Haus der Wissenschaft.

Auch die Bremer Kinos beteiligen sich an dem Begleitprogramm. Vom 7. Bis zum 10. Januar zeigt das City 46 den Film „Nebel im August“ über die Geschichte des Jugendlichen Ernst Lossa, der Anfang der vierziger Jahre aus dem Kinderheim in eine Nervenheilanstalt kommt, weil er als „nicht erziehbar“ gilt. Am 29. Januar um 18:45 zeigt das Cinema im Ostertor den Film „Freistatt… und wenn Du nicht artig bist, kommst du ins Heim“ von 2015, der ebenfalls den Kampf eines „Zöglings“ gegen Gewalt und Unterdrückung thematisiert – allerdings im Sommer 1968.

 

Diese und viele weitere Veranstaltungen sind unter www.kulturambulanz.de. zu finden. Das gesamte Projekt steht unter der Schirmfrauschaft von Sozialsenatorin Anja Stahmann, die auch zur Eröffnung sprechen wird.

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